Vorab: was dies nicht ist
Wenn du dies liest, hast du wahrscheinlich schon ein Bild davon, was Freimaurerei ist. Vielleicht hast du einen Film gesehen, in dem geheime Tunnel und Weltverschwörungen vorkommen. Vielleicht hat dir ein Verwandter erzählt, die Freimaurer beteten den Teufel an. Oder du hast im Internet gelesen, sie steuerten aus dem Schatten die Regierungen der Welt.
Seien wir von der ersten Seite an ehrlich: nichts davon ist wahr.
Die Freimaurerei ist keine Religion (auch wenn sie den Glauben zutiefst achtet). Sie ist keine politische Partei (auch wenn viele historische Politiker Freimaurer waren). Sie ist keine Geheimgesellschaft im verschwörerischen Sinne (auch wenn sie Verschwiegenheit schätzt). Und sie hat definitiv nichts mit dem Teufel, den Illuminaten oder einer Neuen Weltordnung zu tun.
Woher also so viel Verwirrung? Weil die Freimaurerei in einer Zeit entstand (17.–18. Jahrhundert), in der anders zu denken das Leben kosten konnte. Die ersten Freimaurer brauchten Raum, um frei über Philosophie, Wissenschaft und Spiritualität nachzudenken, fern von der Inquisition und auferlegten Dogmen. Diese Tradition der Verschwiegenheit überlebte, und wo Schweigen herrscht, füllt die Vorstellung der Außenwelt die Lücken.
Dieses Buch ist weder Propaganda noch ein Anwerbehandbuch. Es ist einfach ein ehrliches Gespräch über eine mehr als 250 Jahre alte Tradition, die außergewöhnliche Menschen geformt hat und die weiterlebt — auch hier in Mexiko.
Was also ist die Freimaurerei wirklich?
Stell dir einen Raum vor, in dem sich Menschen unterschiedlicher Berufe, Alter und Lebenserfahrungen regelmäßig mit einem einzigen Zweck treffen: an sich selbst zu arbeiten. Nicht um Geld zu verdienen, nicht um Kontakte zu knüpfen, nicht um gesellschaftlich aufzusteigen — sondern um bessere Menschen zu werden.
Das ist im Kern die Freimaurerei.
Ihr wichtigstes Werkzeug ist die Symbolik. Statt dir ein Handbuch mit Anweisungen zu geben („sei gut", „lüge nicht", „hilf dem Nächsten"), stellt dir die Freimaurerei Symbole vor — den Winkel, den Zirkel, den rauen Stein, den im Bau befindlichen Tempel — und lädt dich ein, selbst zu entdecken, was sie für dein Leben bedeuten.
Das Handwerk als Metapher
Das Wort „Maurer" kommt aus dem Handwerk und bezeichnet den Erbauer, den Steinmetz. Die ursprünglichen Freimaurer waren buchstäblich Erbauer von Kathedralen im Mittelalter. Als die großen Bauwerke vollendet waren, wandelten sich die Zünfte: Sie hörten auf, Gebäude aus Stein zu errichten, und begannen, etwas Ehrgeizigeres zu bauen — den inneren Tempel eines jeden Menschen.
Deshalb dreht sich in einer freimaurerischen Loge (so heißt sowohl der Ort als auch die versammelte Gruppe) alles um Baumetaphern: Man „behaut den rauen Stein" (die Arbeit an sich selbst), man entwirft „Pläne" (Lebensideale), und das letzte Ziel ist, einen „Tempel" zu bauen — nicht aus Ziegeln, sondern aus Tugend.
Drei universelle Grundsätze
Obwohl es in der Welt viele Riten und Spielarten gibt, teilt jede Freimaurerei drei Säulen:
Gewissensfreiheit. Jeder Freimaurer hat das Recht, so zu denken und zu glauben, wie es ihm sein Gewissen gebietet. Es gibt kein verpflichtendes Dogma oder Katechismus. Die Freimaurerei sagt dir nicht, was du denken sollst; sie lehrt dich zu denken.
Brüderlichkeit. Die Freimaurer nennen einander „Brüder" nicht als Förmlichkeit, sondern als Verpflichtung. Ein Freimaurer ist gehalten, seinen Brüdern zu helfen und jeden Menschen mit Würde zu behandeln.
Suche nach der Wahrheit. Nicht „die Wahrheit" mit großem Anfangsbuchstaben und Schlusspunkt, sondern die Gewohnheit zu suchen, zu hinterfragen, zu vertiefen. Die Freimaurerei misstraut den einfachen Antworten.
Die christliche Freimaurerei: ein eigener Weg
Hier wird die Geschichte interessant.
Die meisten Menschen stellen sich bei Freimaurerei etwas „Weltliches" oder gar „Kirchenfeindliches" vor. Und es gibt freimaurerische Riten, die das tatsächlich sind. Doch es gibt eine andere, weniger bekannte und ältere Strömung, die den umgekehrten Weg geht: Statt sich vom christlichen Glauben zu trennen, nimmt sie ihn als Rückgrat ihres gesamten Systems an.
Das ist die christliche Freimaurerei.
Wir sprechen nicht von einer „alternativen Kirche" oder von etwas, das mit bestehenden christlichen Konfessionen konkurriert. Die christliche Freimaurerei ist eine Methode geistlicher Besinnung, die die Symbole des Christentums — das Kreuz, die Rose, den Tempel Salomons, die Lehren Christi — als Werkzeuge des inneren Wachstums verwendet.
Was unterscheidet sie?
In den verbreitetsten freimaurerischen Riten (wie dem Schottischen oder dem York-Ritus) spricht man allgemein von einem „Großen Baumeister des Weltalls": Jeder Freimaurer deutet ihn nach seinem eigenen Glauben. Ein Muslim, ein Jude und ein Christ können zusammensitzen, weil der Begriff weit genug gefasst ist.
In der christlichen Freimaurerei ist der Ansatz ein anderer. Hier ist der Weg der Vervollkommnung ausdrücklich mit der christlichen Tradition verbunden. Die Rituale nehmen unmittelbar Bezug auf Bibelstellen, auf das Leben Christi, auf die Idee von Erlösung und Auferstehung als Sinnbilder des geistlichen Erwachens. Es ist nicht so, dass Brüder anderen Glaubens abgelehnt würden — vielmehr sind Sprache, Symbole und Struktur der Arbeit im Christentum verwurzelt.
Das ist weder neu noch ungewöhnlich. Tatsächlich ist die christliche Freimaurerei wohl die älteste Form organisierter Freimaurerei auf dem europäischen Festland. Die schwedischen, deutschen und bestimmte schottische Systeme arbeiteten seit dem 18. Jahrhundert so.
Der Ritus, der den Namen eines Mannes trägt
Fast alle freimaurerischen Riten sind nach einem Ort oder nach einem Gedanken benannt: der Schottische, der von York, der Französische, der von Memphis. Dieser trägt den Namen einer Person. Johann Wilhelm Kellner von Zinnendorf war Generalstabsarzt der preußischen Armee, und 1770 gründete er in Berlin die Große Landesloge der Freimaurer von Deutschland mit einer eigenen Lehrart, von der er selbst erklärte, sie stütze sich auf das schwedische System.
Daher die beiden Namen, unter denen er heute bekannt ist. Zinnendorf-Ritus, nach dem Mann, der ihn zusammenfügte. Schwedisch-deutscher Ritus, nach dem Weg, den der Stoff zurückgelegt hat: von Stockholm nach Berlin und von Berlin in die übrige Welt.
Und gleich hier eine Unterscheidung, die dieses Buch durchhält: Der Zinnendorf-Ritus und der Schwedische Ritus im eigentlichen Sinne entstammen demselben Stamm, sind aber zwei verschiedene Systeme unter zwei verschiedenen Obödienzen. Verwandtschaft ist nicht Identität, und die beiden zu verwechseln hieße, keines von beiden zu verstehen.
Was wir von ihm nicht wissen
Es gehört auf diese Seite, auf der sein Name zum ersten Mal steht, denn später hätte es keinen Reiz mehr: Über die Person Zinnendorfs bewahrt das Archiv dieser Großloge keine einzige Primärquelle. Keine Lebensbeschreibung, keinen Briefwechsel, keine Gründungsurkunde. Das Einzige, was seinen Namen trägt, ist ein Fragenbuch des zinnendorfschen Systems — ein Buch des Systems, nicht eines über ihn.
Das ist eine merkwürdige Lage, und man muss sie ohne Beschönigung aushalten: Der Ritus bewahrt den Namen eines Stifters, von dem er kaum Papiere besitzt. Was er sehr wohl bewahrt, und zwar reichlich, ist das, was dieser Stifter in Arbeit gesetzt hat.
Ein System von zehn Stufen
Die meisten Riten haben drei Grundgrade und danach eine Sammlung von „Hochgraden“, die von außen angebaut werden wie Stockwerke auf ein fertiges Haus. Zinnendorfs System arbeitet nicht so. Es ist eine einzige Leiter von zehn Stufen, von oben nach unten als eine einzige Sache gedacht, in der jeder Abschnitt eine Frage weiterführt, die der vorige offen gelassen hat. Die ersten drei bilden die Johannisloge, die folgenden drei die Andreasloge, die letzten vier das Kapitel.
Und man steigt nicht nach Dienstalter. Im sechsten Grad wird der Bruder vor der Zulassung zum Aufstieg nach der Bedeutung von sechs Gegenständen gefragt, die er seit Jahren vor Augen hat. Reichen die Antworten nicht, wird der Aufstieg aufgeschoben. Geprüft wird nicht das Gedächtnis, sondern ob er verstanden hat.
Wo er gearbeitet wird
Der Ritus ist nach wie vor das System der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland, 1770 gegründet und bis heute tätig, und er hat nahe Verwandte in Schweden, Norwegen, Dänemark und Island. In Lateinamerika arbeitet ihn die Großloge von Mexiko-Stadt, die, soweit wir wissen, das einzige Haus ist, das dies auf Spanisch tut.
Eine Geschichte, die Kontinente überschreitet
Was nun folgt, ist Archivgeschichte, mit ihren Daten und auch mit ihren Lücken. Wo etwas nicht belegt ist, wirst du es genau so lesen, mit allen Buchstaben gesagt. Ein Ritus, der zu unterscheiden lehrt zwischen dem, was man weiß, und dem, was man glaubt, machte eine schlechte Figur, schriebe er seine eigene Geschichte anders.
Stockholm: die Eckleffschen Akten
Der Stoff kam nach Deutschland durch einen Bestand schwedischer Dokumente, der als die Eckleffschen Akten bekannt ist — nach Carl Friedrich Eckleff, dem Mann, der sie den deutschen Brüdern übermittelte. Auf ihnen ist alles Übrige errichtet worden.
Theodor Schaefer, der sie untersucht hat, beschrieb, wie sich eine kurze Leiter mit der Zeit auffaltete, fast unter innerem Druck: Die erste Stufe teilte sich in Johannislehrling und Johannisgeselle, die zweite in Johannismeister und Andreaslehrling, die dritte in Andreasgeselle und Andreasmeister, die vierte in Ritter des Ostens und Ritter des Westens, „wie es noch heute in Schweden geschieht“. Was beieinanderstand, trat auseinander, und so wurden aus vieren zehn, ohne dass jemand etwas erfunden hätte.
Und hier die erste Lücke, die man zeigen muss: Die Eckleffschen Akten besitzt dieses Haus nicht. Es kennt sie aus zweiter Hand, durch Schaefer und durch Gloedes Rezensionsschlüssel, und keine dieser Quellen liegt als Dokument vor. Gearbeitet wird an einer rekonstruierten Genealogie, nicht am Original. Das zu sagen nimmt dem Ritus nichts; es nicht zu sagen nähme ihm etwas.
Berlin, 1763–1770: der Bruch
Zinnendorf trat 1763 in die Berliner Loge zu den drei Weltkugeln ein und war 1765 ihr Meister. Zwei Jahre darauf, 1767, brach er mit ihr: Jenes Haus ging zur Strikten Observanz über, dem Templersystem von Hunds, das damals halb Deutschland mit sich zog, und er folgte ihm nicht. Drei Jahre blieb er draußen. 1770 gründete er die eigene.
Es lohnt sich, bei dieser Zeitfolge zu verweilen, denn sie wird gewöhnlich falsch erzählt. Die Große National-Mutterloge zu den drei Weltkugeln ist nicht die Loge, die Zinnendorf gegründet hat: Sie ist die Loge, die Zinnendorf verlassen hat. Was 1770 entstand, war etwas anderes, mit anderem Namen und mit dem schwedischen Stoff im Inneren: die Große Landesloge der Freimaurer von Deutschland.
1774: der Schutz des Königs
Am 16. Juli 1774, vier Jahre nach der Gründung, erteilte Friedrich II. der Obödienz sein Protektorium. 1798 bestätigte Friedrich Wilhelm III. es durch Edikt.
Aus jenem Papier des 18. Jahrhunderts stammt eine rechtliche Eigenheit, die in den heutigen Statuten fortlebt: Johannislogen, die ihre Rechtspersönlichkeit jenem Protektorium verdanken, brauchen sich nicht ins Vereinsregister einzutragen, und die Mustersatzung ordnet an, bei ihnen die Angabe „eingetragener Verein“ zu streichen. Das ist eine Kanzleikleinigkeit, und sie erzählt etwas: ein Ritus, der vier Jahre nach seiner Geburt bereits unter landesherrlichem Schutz stand und dessen inneres Recht die Spur jenes Dokuments zweieinhalb Jahrhunderte später noch trägt.
1933–1934: als man dem Ritus die Namen nahm
Das Regime, das 1933 in Deutschland an die Macht kam, zwang die Obödienz zur Namensänderung. Die Folge sieht man an den Büchern, die in jenen Monaten gedruckt wurden, und man sieht sie, indem man zählt.
In den drei unter dem auferlegten Namen erschienenen Büchern des Andreaskonvents kommen die Wörter Andreasmeister, Andreaslehrling, Andreasgeselle und leuchtender Meister null Mal vor. An ihrer Stelle steht Stufe: vier-, dreizehn- und achtmal. Auch Adoniram und Hiram fehlen. Die Namen waren fort; geblieben waren die Zahlen.
Diese Großloge hat entschieden, das nicht zu berichtigen. Die Bücher werden so bewahrt, wie sie aus der Berliner Druckerei kamen, und die Tilgung wird mit ihren Zahlen als historische Tatsache dokumentiert. Ein Ritus, der die Spur dessen aufbewahrt, was man 1933 seinem Wortschatz angetan hat, bewahrt zugleich den Beweis, dass er überlebt hat. So etwas wird nicht saubergewischt.
Eine handschriftliche Notiz von 1805
In ein Exemplar aus dem Archiv der dänischen Großloge ist von Hand eine Notiz eingebunden, die eine zweite Hand auf Dänisch Schröder zuschreibt. Sie sagt, der Grad sei getreu aus den schwedischen Ritualen übersetzt worden, dass Zinnendorf mehrere Änderungen daran vorgenommen habe und dass er es war, der ihm den Namen gab, unter dem man ihn kennt. Trifft die Notiz zu, so ist dieser Name kein schwedisches Erbe, sondern eine persönliche Entscheidung des Stifters, mit beinahe zeitgenössischem Zeugen.
Das Archiv bewahrt sie mit drei schriftlichen Vorbehalten, und alle drei werden mit ihr zusammen veröffentlicht. Wer sie schrieb, war in der Sache Partei: Schröder war damals dabei, Hamburg aus den Hochgraden herauszuführen. Es ist Handschrift, in einem Scan gelesen, und sie verlangt einen zweiten Leser. Und die Zuschreibung stammt nicht von der Hand, die schrieb. Eine Notiz mit ihren drei Vorbehalten ist mehr wert als ein Fund.
Die heute gearbeiteten Texte
Die gebrauchten Rituale nennen ihr Datum auf dem Titelblatt: die drei Johannisgrade 1989; die Ritter des Ostens und des Westens 1977; die Andreaslehrlinge und -gesellen 1995; der Andreasmeister und die Auserwählten Brüder 1996; die Vertrauten Brüder 1991.
Und alle tragen neben dem Titel eine Zeile auf Niederländisch — Dit rituaal dateert uit… —, die die Ausgabe nicht übersetzt und stehen lässt. Man könnte sie in einer Minute tilgen. Sie bleibt, weil sie der Zeuge des Weges ist, den der Text zurückgelegt hat, ehe er hierher kam: Jemand hat in den Niederlanden daran gearbeitet, und diese Hand gehört zu seiner Geschichte.
Die Ankunft in Mexiko: was belegt ist und was nicht
Hier ist Genauigkeit geboten, denn dieses Buch werden Leute lesen, die nachzuprüfen verstehen.
Was feststeht. Dass die Großloge von Mexiko-Stadt die schwedische Reihe von zehn Graden übernommen hat, mit getrennt gezähltem viertem, fünftem und sechstem Grad. Dass eine Lehre der Anpassung gilt — alles wird auf das eigene Haus zugeschnitten — und eine eigene Benennung, so dass dort, wo das deutsche Original „5. Stufe“ sagt, die spanische Fassung „Grad V“ liest, mit einer Fußnote, die auf den ursprünglichen Ausdruck verweist. Dass die Übersetzung aus dem Deutschen, zu gutem Teil aus Frakturdrucken des 18. Jahrhunderts, geleistete und überprüfbare Arbeit ist.
Was nicht feststeht. Ein datierter Gründungsbericht über die Ankunft des Ritus in Mexiko. Im Archiv gibt es ihn nicht. Solange er nicht auftaucht, sagt dieses Buch, was da ist, und füllt den Rest nicht auf. Eine fehlende Zeile ist einer erfundenen vorzuziehen.
Und eine Feststellung, die ebenfalls zur Redlichkeit gehört: Die Großloge von Mexiko-Stadt arbeitet eigenständig und verfügt heute über keinerlei Anerkennung, Genehmigung oder Zugehörigkeit seitens der deutschen Freimaurerei. Diese Anerkennung ist ein Ziel, und sie wird auf den entsprechenden brüderlichen Wegen angestrebt.
Johannes und Andreas
Sollte jemand den Ritus in zwei Namen zusammenfassen, so wären es diese. Sie sind weder frommes Beiwerk noch Kalendererbe: Sie sind der Bauplan des Gebäudes.
Zwei Logen in einer
Ein Bruder dieses Ritus gehört nicht einer Loge an, sondern zweien, und mit der Zeit drei verschiedenen Räumen. Die ersten drei Grade werden in der Johannisloge gearbeitet, die folgenden drei in der Andreasloge, die letzten vier im Kapitel. Jeder Raum hat seinen Saal, seine Farbe, seine Sinnbilder und seine Art zu fragen.
Johannes ist der Evangelist, dessen erstes Kapitel in fast allen Graden aufgeschlagen auf dem Buch liegt — „Im Anfang war das Wort“. Andreas ist der Apostel des Schrägkreuzes, und sein grünes Andreaskreuz durchquert Teppich und Altartuch überall dort, wo der Ritus vom Suchen im Dunkeln sprechen will.
Was jede von beiden lehrt
Die Johannisloge arbeitet den Anfang: den rauen Stein, das Handwerk, die Sterblichkeit. Hier lernt man zu schweigen und zu schauen, und hier stellt der Ritus jenen Verlust auf, von dem alles Weitere leben wird. Die Andreasloge arbeitet, was nach dem Verlust kommt: das Suchen im Dunkeln, die Trümmer, das Auffinden dessen, was darunter unversehrt geblieben ist. Das Kapitel arbeitet den Bau.
Anders gesagt: Johannes verliert, Andreas sucht, das Kapitel baut. Wenn im sechsten Grad bei der Eröffnung gefragt wird, welches die Hauptarbeit sei, passt die Antwort in einen einzigen Satz: „Das Verlorene zu suchen und auf dem unwandelbaren Grundstein einen neuen Tempel zu errichten.“
Die Teilung wiederholt sich oben
Dass dies Architektur ist und nicht Namenskunde, lässt sich belegen, und zwar aus dem Buch der Ritter des Ostens vom 27. Dezember 1931. In jenem Buch — vor der Namensänderung der Obödienz und deshalb als unabhängige Bestätigung wertvoll — steht ein Paar, das in keiner anderen Quelle geschrieben ist: Der Vertraute Bruder ist der Vertraute der Johannisloge, der Auserwählte Bruder der Vertraute der Andreasloge.
Das heißt: Die beiden letzten Grade der ganzen Leiter, die höchsten, bestimmen sich einander gegenüber durch dieselbe Teilung, die den ersten vom vierten Grad trennt. Der innere Orden wiederholt auf seiner eigenen Ebene die Teilung Johannes/Andreas. Er verlässt sie nicht: Er sagt sie weiter oben noch einmal.
Und sie wiederholt sich im Saal
Im Kapitelsaal sieht man dieselbe Sache auf einen Blick. Im Norden der Andreasaltar, im Süden der Johannesaltar. Durch den ganzen Saal laufen, ohne sich je zu vermischen, die beiden Kreuze des Ritus: das des Andreas, grün und schräg; das des Tempels, rot, am Baldachin, an der Standarte und am Kleinod. Dazwischen bilden die Sinnbilder der vier Evangelisten ein Viereck.
Zwei Heilige, zwei Kreuze, zwei Altäre und vier Evangelisten. Der Grundriss des Saales ist selbst das Inhaltsverzeichnis des Ritus.
Die Templerfrage
Irgendwann musste in diesem Buch das Wort „Templer“ fallen, und es sollte gut fallen.
Der achte Grad des Ritus ist templerisch dem Namen, dem Datum und dem Toten nach. Sein Kleinod trägt das Tempelkreuz. An dessen rechtem Winkel hängt, in dunklem Rot, ein silbernes Kreuz, in das in lateinischer Abkürzung das Andenken an Jacques de Molay und das Jahr seines Todes eingraviert sind: 1314. Und eines seiner Kapitel ist, ganz und gar, die Tempelregel, die laut verlesen wird.
Die Überlieferung
Die Überlieferung, die der Grad erzählt, wirst du in schlechteren Fassungen gehört haben: dass beim Untergang des Tempelordens eine Schar dem Verderben entkam, auf den Inseln Schottlands Zuflucht fand und dort ihr Leben unter dem Namen und im Kleid der freien Maurer fortsetzte. Es ist eine alte Geschichte, und ein guter Teil der europäischen Freimaurerei des 18. Jahrhunderts lebte von ihr.
Was der Ritus über seine eigene Überlieferung sagt
Hier trennt sich dieser Ritus von fast allen anderen. Nach der Erzählung sagt der Meister den Aufgenommenen nicht, sie hätten soeben die Wahrheit über ihre Abstammung gehört. Er sagt dies, und es steht im Buch:
„Der wissenschaftlichen Forschung ist es nicht gelungen, diese Überlieferung als gesichertes Ergebnis zu erweisen, aber ebenso wenig, sie zu widerlegen. Wie sich die geschichtliche Forschung zu unserer alten Überlieferung auch stellen mag: Für uns bleibt der Wert unveräußerlich, den sie für das ganze Gebäude unseres Ordens hat.“
Lies das zweimal, denn es ist selten. Da ist kein Anspruch auf erwiesene Abstammung, und da ist auch kein Verzicht. Da ist eine Unterscheidung, laut und vor dem soeben Aufgenommenen ausgesprochen, zwischen dem, was Geschichte feststellen kann, und dem, was eine Überlieferung für den wert ist, der sie empfängt. Das sind zwei verschiedene Dinge, und der Ritus weigert sich, sie zu verwechseln.
Ein Ritus, der das von seiner eigenen Legende sagt, lehrt sich selbst zu lesen. Und er lehrt den Bruder einen Handgriff, der ihm hernach für alles Übrige dienen wird: etwas ernst zu nehmen, ohne so tun zu müssen, als sei es, was es nicht ist.
Die Rüstung, die nicht mehr getragen wird
Derselbe kühle Kopf regiert den übrigen Grad. Im Saal stehen zwei Pole: im Süden die vollständige Ritterrüstung, im Norden das Friedenskleid — Barett, Mantel und Gürtel, weiß mit rotem Kreuz. Der Meister erklärt beide und schließt mit einem einzigen Satz, der ein für alle Mal regelt, was von den Templern geerbt wird und was nicht:
„Wir sind nicht mehr verpflichtet, dieses Kleid äußerlich zu tragen, so wenig wie die Ritterrüstung. Aber wir halten uns zu der höheren Pflicht verbunden, sie innerlich anzulegen.“
Und damit kein Zweifel bleibt, von welcher Art Kampf die Rede ist, schließt der letzte Grad des Ritus die Sache ohne Zweideutigkeit: „diesen Kampf führen wir nicht mit den Waffen der Welt zu Ende, sondern wir kämpfen gegen die Finsternis mit dem Schwert des Geistes“.
Die Leiter: zehn Stufen und ein einziger Gedanke
Von jedem Grad gibt es Dinge, die nicht erzählt werden, und das nicht aus Koketterie: Verschwiegen wird die Erfahrung, ihn zu empfangen, und die verdirbt, wenn man vorher davon liest. Aber was jeder Grad lehrt, lässt sich sehr wohl erzählen, und dieses Buch wird es in den folgenden Kapiteln tun, einen nach dem anderen. Zuvor die Karte.
Drei Abschnitte
Johannisloge (I–III). Lehrling, Geselle und Meister. Der Beginn der Arbeit an sich selbst, das Handwerk und der Tod.
Andreasloge (IV–VI). Andreaslehrling, Andreasgeselle und Andreasmeister. Das Suchen im Dunkeln, die Trümmer und das, was unter ihnen gefunden wird.
Kapitel (VII–X). Ritter des Ostens, Ritter des Westens, Vertrauter Bruder der Johannisloge und Auserwählter Bruder. Der Bau, der innere Kampf und das Ablegen der Waffen.
Warum zehn, wenn man in Deutschland weniger zählt?
Weil es zwei rechtmäßige Weisen gibt, dasselbe zu zählen, und dieses Haus hat eine davon gewählt. Die deutsche Quelle erklärt es ohne Umschweife: Die Grade des Andreaslehrlings und des Andreasgesellen „werden in Schweden in zwei getrennte Grade zerlegt, gesondert gezählt und zu verschiedenen Zeiten erteilt, weshalb dort die drei Grade der Andreasloge als vierter, fünfter und sechster gezählt werden“, während sie bei den Deutschen zusammengezogen sind und auf einmal erteilt werden.
Die Großloge von Mexiko-Stadt hat die schwedische Reihe übernommen: zehn Grade, mit getrenntem IV., V. und VI. Und dieselben Quellen mahnen, die deutsche Zusammenziehung sei eine Sache der Verwaltung und nicht der Lehre — jede der beiden Stufen behält das Ihre, auch wenn beide am selben Tag erteilt werden. Ein gutes Beispiel dafür, wie ein Ritus denselben Stoff auf zwei Weisen einteilen kann, ohne unterwegs etwas zu verlieren.
Das Scharnier
Die ganze Leiter dreht sich um einen Satz. Bei der Eröffnung des sechsten Grades wird nach der Hauptarbeit gefragt, und die Antwort lautet: „Das Verlorene zu suchen und auf dem unwandelbaren Grundstein einen neuen Tempel zu errichten.“
Die Johannisgrade arbeiten an einem Verlust. Die Andreasgrade am Suchen und am Finden des Steins, der unversehrt geblieben ist. Die Kapitelgrade an dem, was darüber errichtet wird. Der siebte Grad fasst es als einen Einschnitt der Geschichte: „Die sahen, wollten nicht sehen, und die gehört hatten, wollten nicht annehmen. Da riss der Baumeister den Tempel nieder… Aber die ewige Weisheit hielt es für gut, einen neuen Tempel zu bauen und die Bauleute aus Osten und Westen, aus Süden und Norden zu berufen.“
Das Ablegen der Waffen, in drei Zeiten
Wer verstehen will, wohin die Leiter führt, ohne die zehn Kapitel zu lesen, dem genügen drei Zeilen, und sie stehen in drei verschiedenen Büchern aus drei verschiedenen Zeiten.
Im VIII. Grad gibt es Waffen: die Rüstung, das Schwert, die ganze Sprache des Rittertums. Im IX. wird das Schwert für unnütz erklärt, „solange uns höhere und edlere Zwecke beschäftigen“, und abgelegt. Im X. schreibt das Buch den Satz, der die ganze Leiter schließt: „Wie im neunten Grad alle Waffen niedergelegt wurden, so gibt es sie im zehnten nicht mehr. Mit dem Kreuz schlägt man nicht. Das Kreuz wird nur erhoben.“
Und der letzte Grad fügt nichts hinzu
Was man sich gewöhnlich vom höchsten Grad eines Systems vorstellt — das letzte Geheimnis, die verwahrte Offenbarung —, baut dieser Ritus selbst ab, und zwar im X. Grad: „Auch die höchste Stufe des Ordens, der Sie sich heute nähern, kann Sie nicht zum Schauen führen. Aber sie kann Ihnen den Weg zeigen.“
Es gibt kein viertes Mysterium. Es gibt eine Lesart. Der X. Grad erklärt rückwärts, was schon durchschritten wurde, und der IX., eine Stufe zuvor, fasst die ganze Leiter in vier Tagen zusammen, deren der Bruder täglich gedenken soll, und benennt sie mit denselben drei Namen, die ihm die blaue Loge am Anfang gab: der Suchende, der Beharrliche, der Geduldige. Der höchste belegte Grad liest die blaue Loge noch einmal; er übertrifft sie nicht.
Deshalb ist Fortschreiten keine Frage der Zeit und auch nicht angesammelter Verdienste. Es gibt Brüder, die seit Jahren im selben Grad stehen, und ihnen fehlt nichts, denn jeder Grad hat Tiefe im Überfluss. Und im sechsten kann der Aufstieg, wie schon gesagt, aus einem sehr einfachen Grund aufgeschoben werden: weil die Antworten noch nicht gereicht haben.
Die drei Johannisgrade
Drei Stufen, drei Tugenden und drei Fragen. Von jedem Grad folgt hier sein Gedanke, sein Bild und das, was den Ankommenden gefragt wird.
I · Johannislehrling
Der Gedanke ist der Beginn der Arbeit an sich selbst. Die Tugend ist die Beständigkeit. Und die Frage ist die unbequemste von allen, denn sie wird an der Tür gestellt: ob den Kommenden „eitle Neugier“ oder „wahrer Eifer“ herführt.
Vor jeder Verpflichtung erhält der Suchende im Namen der ganzen Loge eine förmliche Zusicherung: dass hier nichts geschieht, „was gegen Gott und die Religion, gegen die Obrigkeit und die Staatsverfassung, gegen die Grundsätze ehrlicher und tugendhafter Menschen oder gegen die guten Sitten wäre“. Und es werden ihm die Tugenden aufgezählt, die von ihm verlangt werden, und es sind nicht wenige: „Die reine Ehrfurcht vor dem Allmächtigen, der Gehorsam gegen Obrigkeit und Gesetze, die Liebe zum Nächsten, die Treue und der Fleiß in unserem Beruf, die Mäßigung und die Mildtätigkeit, die Geduld und die Beständigkeit im Leiden, die Demut im Glück.“
Er empfängt den weißen Schurz — „die weiße Farbe erinnert uns an die Aufrichtigkeit und den reinen Sinn unserer Brüderschaft; die Dauerhaftigkeit des Stoffes an ihre Festigkeit und Treue“ — und eine silberne Kelle, unpoliert, „zum Zeichen, dass sie fleißig gebraucht werden soll, um den rechten Glanz zu erlangen“. Mit ihr, sagt das Ritual, „sollst du die Risse deines Herzens gegen die Angriffe des Lasters vermauern und verkitten, eine Arbeit, die einen rechtschaffenen Bruder alle Tage hinreichend beschäftigen wird“.
Und drei Paar Handschuhe. Vom ersten wird etwas gesagt, das kein Bruder vergisst: Sie seien bestimmt, „als Zeichen deiner Aufnahme zu dienen und deine Hände auf deinem letzten Gang zu bedecken“. Im ersten Grad, in der ersten Nacht, spricht der Ritus bereits vom Ende. Er wird es zehn Stufen lang weiter tun.
II · Johannisgeselle
Der Gedanke ist das Fortschreiten durch Arbeit. Die Tugend ist der Fleiß. Die Frage, ob der Entschluss, die Wahrheit zu suchen, unwandelbar sei.
Die Rede, mit der dieser Grad eröffnet wird, gehört zum Besten, was im Korpus geschrieben steht: „Wenn auch die Finsternis Macht hat, die Erde zu bedecken und den Sterblichen die Wahrheit zu verhüllen, so bewahrt doch der Vater der Liebe und der Weisheit im Herzen des Menschen den Funken des Lichts.“ Und sie legt sogleich die Bedingung des Aufstiegs fest: Nur wer im Kampf gegen die Gedanken, die das Licht fliehen, ausharrt, „wird zum Ziel gelangen, wo die Wahrheit selbst ihn lehren wird und Licht durch Licht vermehrt wird“.
Das Kleinod ist dieselbe Kelle des Lehrlings, nun poliert, „zum Zeichen, dass ihr fleißig gearbeitet habt und von nun an vollkommenere Arbeit tun sollt“. Ein einziges Werkzeug, zwei Zustände. Der ganze Grad passt in diesen Unterschied.
Und eines gehört hierher, denn es entwaffnet eine ganze Phantasie. Die Ordenslehre zählt sieben Punkte auf, worin das besteht, was dieser Grad sein Geheimnis nennt, und keiner ist eine Formel: Es sind Fragen an einen selbst. Es bestehe, heißt es, in der Erkenntnis meines Ursprungs; in der Erkenntnis meiner Wanderschaft; in der Erkenntnis dessen, was meine Pflicht ist; in der Belehrung über das, was ich suchen soll; in der Überzeugung von dem, was ich fliehen soll; in der Einsicht in das, was ich hassen soll; und in der Gewissheit dessen, was ich hoffen und endlich werden soll.
Sieben Punkte und keine einzige Formel. Das Geheimnis des Ritus, vom Ritus selbst gesagt, ist ein Programm der Selbsterkenntnis.
III · Johannismeister
Der Gedanke ist die Sterblichkeit und das, was sie überdauert. Die Tugend ist die bewährte Treue. Und die Frage stellt der Meister vor allem anderen: „Haben Sie die Wahrheit ernstlich gesucht und den rauen Stein eifrig bearbeitet? Haben Sie Verschwiegenheit, Klugheit, Mäßigung und Barmherzigkeit geübt? Haben Sie niemals wissentlich Zwietracht unter Brüdern gesät?“
Bemerkenswert ist die Antwort, die weder freispricht noch verurteilt: „Gott allein kennt Ihre verborgenen Gedanken; Er sei Richter zwischen Ihnen und uns; möge Ihr Gewissen Ihnen in der Stunde des Todes dasselbe Zeugnis geben, das Sie hier von sich selbst gegeben haben.“ Die Loge fällt kein Urteil. Sie gibt die Frage zurück und tritt beiseite.
Der Tempel dieses Grades ist schwarz: Wände, Boden, Bänke, Stühle. Das Altartuch ist mit silbernen Tränen bestreut, und dieselben Tränen bedecken den Teppich. An den Wänden im Süden und Norden hängen Tafeln mit dem Wahlspruch Memento mori, „gedenke des Todes“, und die Einrichtungsvorschrift ist unnachgiebig: Die Zeichnungen dürfen durch anderes ersetzt werden, die Wahlsprüche dürfen nicht fehlen.
Und doch nennt der Grad den Tod nicht Tod. Er nennt ihn die Stunde der Verwandlung. Sein Eröffnungsgebet sagt: „Vom Staube sind wir genommen und zum Staube sollen wir wiederkehren. Der Herr wird uns wieder erwecken, um uns den Lohn zu geben.“ An der Ostwand, unter einem silbernen Stern, trägt ein Totenkopf über zwei Gebeinen zu beiden Seiten geteilt die Inschrift, die den ganzen Grad zusammenfasst: „Kein Leben ohne Tod — kein Tod ohne Leben.“
Die Andreasloge
Der Saal wechselt, und die Farbe wechselt. Hier ist der Schurz schwarz mit vier weißen Rosen, und das Ritual sagt, warum: „die schwarze Farbe, die unsere Trauer um den erschlagenen Meister bezeugt“. Man tritt in Trauer ein.
IV–V · Andreaslehrling und Andreasgeselle
Der Gedanke ist das Suchen im Dunkeln. Die Tugend ist die Ausdauer. Und die Frage wird ohne Umschweife gestellt, ehe jemand zugelassen wird: „Drückt keine Schuld Ihre Brust?“ — gefolgt, und das ist es, was man langsam lesen muss, von einer Antwort, die der Meister gibt, ohne die des anderen abzuwarten: „Mein Bruder, wer kann merken, wie oft er fehlet? Der Herr vergebe auch uns die verborgenen Fehler.“
Der eigene Raum dieser Grade heißt die Kammer des Schweigens. Vor dem Eintritt werden zwei Gegenstände übergeben, eine Laterne und eine Glocke, und das Ritual erklärt gleich, wozu sie dienen: „denn Vernunft und Gewissen sind die sichersten Führer des Menschen durch die Verwirrungen und Gefahren des irdischen Lebens“. Ein Licht zum Sehen und ein Klang, um sich nicht zu verlieren; das Übrige bringt mit, wer geht.
Den Satz, der den Grad zusammenfasst, spricht der einführende Bruder, und er trägt sich selbst: „Der Schweigende findet die Akazie!“
Und im fünften Grad gibt es einen Augenblick, der als kleine Abhandlung gelten kann. Während die vier Säulen an den Ecken des Tempels eine nach der anderen enthüllt werden, spricht der erste Aufseher vor jeder einen Satz:
„Dreifach ist der Wandel der Dinge in der Zeit: Anfang, Verlauf und Ende.“
„Drei Dinge bestimmen die Ordnung des Erschaffenen im Raum: Zahl, Maß und Gewicht.“
„Drei Werkzeuge sind dem Menschen gegeben, um zur Vollkommenheit zu gelangen: der Wille, der Verstand und das Gedächtnis.“
„Drei sind die Zeichen der Vollkommenheit: Weisheit, Stärke und Schönheit.“
Zeit, Raum, Vermögen und Ziel. Vier Säulen und zwölf Wörter: das ganze Gerüst des Grades.
Die vier Tugenden
Das ganze Gebäude der Andreasloge ruht auf vier Tugenden, die das Ritual beim Namen verlangt, ehe jemand zugelassen wird: Verschwiegenheit, Klugheit, Mäßigung und Barmherzigkeit. Und es verlangt noch etwas, und das ist es, was sie davor bewahrt, Zierat zu sein: dass sie sich bewähren „nicht nur im engen Raum ihres Tempels, sondern auch im weiten Kreis ihres ganzen Wirkens und Seins“.
Die vier weißen Rosen des Schurzes stellen sie dar, und der Text sagt es ohne Bild: „nur durch die beständige Übung der vier Tugenden des Meisters können wir in diesem Kampf den Sieg erlangen“.
VI · Andreasmeister
Der Gedanke ist der Wiederaufbau. Die Tugend ist der lehrende Eifer. Und die Frage dieses Grades ist buchstäblich eine Prüfung über Sinnbilder. Vor dem Aufstieg fragt der deputierte Meister: „Was bedeutet die Krone? Die Lampe? Die Laterne? Die Glocke? Der Dolch? Die Akazie?“ — und hält nach jeder Frage inne.
Je nach den Antworten „wird er ihm seine Zufriedenheit bezeugen oder ihn ermahnen, das Versäumte nachzuholen“; und erweisen sich die Kenntnisse als gänzlich unzureichend, kann er den Aufstieg aufschieben. Achte darauf, wonach gefragt wird: nicht nach Jahreszahlen, nicht nach Formeln, nicht nach Daten. Nach Bedeutungen. Man steigt auf, weil man verstanden hat.
Das Gelöbnis des Grades darf ganz gelesen werden, und es ist ein Arbeitsprogramm: „die maurerische Wissenschaft auszubreiten, die Bauleute in der Erkenntnis zu unterweisen, den Bedrängten beizustehen, die Unwissenden zu belehren und die Irrenden zurechtzuweisen“.
Die Winde und der Stein, der unversehrt blieb
In diesem Grad liest der Redner laut eine Überlieferung über die Weitergabe der Baukunst vor. Sie ist reine Erzählung und lässt sich ohne Vorbehalt wiedergeben.
Nachdem Nebukadnezar den Tempel zerstört und das Volk in die Gefangenschaft geführt hatte, zerschlugen die Chaldäer die ehernen Säulen. Unter Kyros kehrten die Verbannten zurück: Serubbabel errichtete einen neuen Tempel und Nehemia baute die Mauern wieder auf, und „die Bauleute traten den Feinden entgegen, indem sie mit der einen Hand die Kelle führten und sie mit der anderen, das Schwert haltend, zurückwiesen“. Als Stadt und Tempel abermals zerstört waren, kamen zwölf eifrige Baumeister zu den Trümmern, fanden unter dem Schutt den würfelförmigen Grundstein und richteten mit zwei gekreuzten Hölzern eine Winde auf, um zu heben, was darunter lag. In der Lade fanden sie den Hauptschlüssel des früheren Tempels und die Aufzeichnungen Adonirams über die Baukunst.
Das Bild, das der Grad hinterlässt, ist ein einziges, und deshalb wirkt es: Was gesucht wird, ist nicht verloren, es liegt darunter.
Das Kapitel: vom Osten zu den Auserwählten
Die vier letzten Stufen werden im Kapitelsaal gearbeitet, dem mit den zwei Altären und den zwei Kreuzen. Hier erklärt der Ritus nicht mehr, was zu tun ist: Er erklärt, wohin das Ganze führte.
VII · Ritter des Ostens
Der Gedanke ist die Morgenröte. Die Tugend ist die Wachsamkeit. Die Frage, ob der Suchende mit den Gedanken kommt, die „die Betrachtung seiner Sterblichkeit, die Zerstörung des Tempels und die Hoffnung auf seinen Wiederaufbau“ in ihm geweckt haben müssen.
Der Grad heißt vom Aufgang der Sonne im Osten und von Jerusalem, und seine Legende erklärt den Namen ohne Geheimnistuerei: „Es ist die Erinnerung daran, dass die Sonne der Wahrheit im Morgenland aufging und dass Jerusalem der Ort war, wo der Meister die Wahrheit und den Bestand des Tempels besiegelte.“ Seine ganze Liturgie ist auf dem Lauf der Sonne gebaut: bei der Eröffnung „künden die Strahlen der Sonne im Osten den Anbruch des Tages und zerstreuen die Dunkelheit“; bei der Schließung: „wenn dem rechtschaffenen Menschen die Strahlen im Osten einmal aufgegangen sind, verhüllt sich ihm die Sonne der Wahrheit nicht wieder mit Dunkelheit“.
Vor dem Eintritt ins Kapitel beantwortet der schottische Andreasmeister schriftlich einen Fragebogen, und danach werden ihm die zutreffenden Antworten mitgeteilt, „als Beweis der Achtung, in der er steht“. Mehrere lassen sich hier lesen:
Welches ist das bedeutungsvollste Sinnbild aller Grade, und welches das beredteste? — „Zirkel und Winkelmaß sind die bedeutungsvollsten; die Kelle ist das beredteste.“
Ist das Leben Adonirams bloße Allegorie, oder hat er wirklich gelebt? — „Es ist Allegorie und Wirklichkeit, denn alles Erschaffene geht seiner Verwandlung entgegen.“
Worauf gründen sich die Wissenschaft und der Zweck des Ordens? — „Die Königliche Kunst ist auf große Wandlungen gebaut und gegründet; ihr Zweck zielt auf merkwürdige Begebenheiten, die die Zeit einst aufklären wird.“
Welcher Grad birgt die vornehmste Nachricht? — „Der Unbelehrteste im Orden hat den Vorzug, die ganze Nachricht auf einmal unter Sinnbildern vor sich zu sehen; der Grad des Johannislehrlings bewahrt den Grund des ganzen Geheimnisses.“
Diese letzte Antwort verdient eine Unterstreichung: Das System erklärt auf seiner siebten Stufe, dass der Grund auf der ersten liegt.
Und eine Mahnung des Textes selbst, die einiges über dieses Haus sagt: „Es kommt also nicht darauf an, die richtige Antwort zu treffen; aber es wäre ernsthafter Männer nicht würdig, sich beim Antworten von jemandem helfen zu lassen.“
VIII · Ritter des Westens
Der Gedanke ist der geistige Kampf. Die Tugend ist die Tapferkeit. Die Frage, ob man „der Standarte des Ordens und dem Banner des Kreuzes unverzagt folgen“ will. Es ist der Templergrad, und von ihm war schon in seinem eigenen Kapitel die Rede.
Hier gehört die Unterscheidung hinzu, die er zwischen seinen beiden Ritterstufen macht. Als Ritter des Ostens ist die Aufgabe, „diese Kräfte des Heils in ihrem innersten Wesen zu erfassen und in sich wirken zu lassen“. Als Ritter des Westens, „diesen Kräften des Heils den Weg zu den Herzen ihrer Mitmenschen zu bahnen und den Widerstand zu überwinden, den trübe Triebe und Vorurteil ihnen entgegensetzen“.
Zuerst nach innen, dann nach außen. Das ist der ganze Schritt vom einen Grad zum anderen.
Sein Band ist schwarz mit goldener Einfassung, „zum Zeichen, dass nur durch Arbeit, Kampf und Leiden der Sieg zu erlangen ist“, und die acht Spitzen seines Kreuzes weisen auf die acht Seligpreisungen, die der Meister eine nach der anderen aufzählt. Neben diesem sichtbaren Kleinod gibt es ein anderes, das man nicht sieht: „Das höchste Kleinod eines Ritters des Westens, die rote Schnur mit den drei Quasten, wird nicht sichtbar getragen.“ Derselbe Grad, der ein Zeichen zum Erkanntwerden gibt, gibt ein zweites zum Nichterkanntwerden.
IX · Vertrauter Bruder der Johannisloge
Der Gedanke ist das wachsame Warten. Die Tugend ist das Vertrauen. Und die Frage ist die anspruchsvollste der ganzen Leiter: „Wollen Sie, um das Wohl Ihres Nächsten zu fördern, auf den eigenen Vorteil verzichten und sich der mühevollsten Arbeit niemals entziehen?“
Dieser Grad enthält den seltensten Lehrbefund des Ritus, und er verdient, ganz gelesen zu werden. Mitten in seinen Arbeiten sagt der Meister zu den Berufenen: „Die Loge der Vertrauten Brüder ist noch nicht eröffnet. Der Herr des Ordens will sie selbst eröffnen; wir wissen aber nicht, wie bald er kommt, und darum haben wir unsere Lampe angezündet, um bei seiner Ankunft bereit zu sein.“ Und die Schlussunterweisung wiederholt es ohne Feierlichkeit: „Sie dürfen nicht erwarten, dass Ihnen hier eine Arbeitstafel oder eine Standarte vorgelegt und erklärt wird, denn unsere Loge ist noch nicht eröffnet.“
Daraus folgt alles Übrige: warum dieser Saal Tageslicht und offene Fenster hat, warum die Lampe brennt und warum auf die Frage, wann jene Zeit kommen werde, die Antwort lautet: „wenn es nach seinem Willen erfüllt sein wird“. Es ist ein Grad, der darin besteht, noch nicht eröffnet zu sein und dies zu wissen.
Zwei Sinnbilder beherrschen ihn. Das Wasser, angerufen als „das Element, das im Anfang der Zeiten durch den Geist Gottes geheiligt wurde, das in der Sintflut die Erde reinigte und das durch das Herabsteigen des höchsten Meisters in den Jordan aufs Neue geheiligt wurde“. Und die goldene Schnur, die den Kreis der Brüder schließt, „Bild des unsichtbaren Bandes, das uns unauflöslich verbindet“.
Sein innerstes Kleinod ist eine schlichte Binde aus weißem Leinen mit rotem Kreuz, und sie wird nur zweimal getragen: an dem Tag, an dem sie empfangen wird, und an dem Tag, an dem sie den Bruder „auf seinem letzten Weg“ begleitet. Jenes erste Paar Handschuhe aus dem I. Grad kehrt hier wieder, acht Stufen höher, in etwas anderes verwandelt.
Hier fasst der Grad auch die ganze Leiter in vier Tagen zusammen, deren man täglich gedenken soll: die natürliche Geburt, wenn man ohne Besitz, ohne Erkenntnis und ohne Bildung in den Kreis des irdischen Lebens tritt; die neue Geburt, wenn man die Stufen emporsteigt und der Mensch, seines Ursprungs kundig, Kraft gewinnt, sein Leben zu führen; der Tod, „wenn das weltliche Werk geschlossen wird und er die irdische Bühne verlässt“; und die Auferstehung, wenn „den redlichen Streitern, die den guten Kampf des Glaubens gekämpft haben, die Wohnung im Hause des Vaters aufgetan wird“.
X · Auserwählter Bruder
Der Gedanke ist die Liebe als Vollendung der ganzen Arbeit. Die Tugend ist die Demut. Und die Frage wird nicht mehr dem Suchenden gestellt: Sie wird dem Leser gestellt.
Der Grad beginnt mit dem Hohenlied der Liebe aus dem ersten Korintherbrief, ganz. Er zeigt drei Schlüssel und erklärt sie: Der des Schwertes „bedeutet die geistigen Kämpfe um die Gründung unseres Ordens, seinen zeitweiligen Untergang und seinen mühsam errungenen Wiederaufbau, und fordert von uns, allezeit wachsam zu sein“; der des aufgeschlagenen Buches ist „Sinnbild der im Orden bewahrten Erkenntnisse“ und zugleich „der von Gott gegebenen Erkenntnis über unseren wahren Ursprung, über das Wesen der Natur, über unsere Bestimmung und über unsere Zukunft“; der des Palmzweiges bezeichnet „die rechte Anwendung dieser Erkenntnisse, die Kraft und die Mündigkeit, die dem Menschen durch sie zuteilwerden“.
Jeder Bruder wählt einen. Und der Meister kommt dem Missverständnis mit einem Satz zuvor, der eine Abhandlung aufwiegt: „Die Wahl des Schlüssels ist keine Prüfung, wie wir sie auf anderen Stufen unseres Ordens erlebt und erlitten haben, sondern ein Sinnbild der Entscheidungsfreiheit des Menschen.“ Die Wahl vermerkt der Sekretär, und sie wird nicht bekannt gegeben. Im letzten Grad ist das Einzige, was geheim bleibt, keine Auskunft des Ordens: Es ist die innere Entscheidung eines Menschen.
Aus diesem Grad stammen auch die beiden Gebete, die außerhalb ihres Saales am besten bestehen. Das erste ist die Fassung, die der Ritus von dem Franz von Assisi zugeschriebenen Gebet bewahrt: „Mache uns zu einem Werkzeug deines Friedens: dass wir Liebe bringen, wo Hass ist; dass wir verzeihen, wo Beleidigung ist; dass wir einen, wo Zwietracht ist; dass wir Hoffnung wecken, wo Verzweiflung quält… Denn wer gibt, der empfängt; wer sich selbst vergisst, der findet sich; und wem vergeben wird, der hat vergeben.“ Das zweite ist kürzer: „Erleuchte mich mit deinem Licht und deiner Wahrheit; sie führen mich zu deinem heiligen Berg und zu deinen Wohnungen… Komm, Meister; auch ich werde kommen!“
Und der Satz, mit dem der Grad — und mit ihm die Leiter — den Bruder dort zurücklässt, wo sie ihn fand, nur anders: „Selig, wer den rechten Weg kennt und beständig darauf geht. Aber selig auch, wer in der Finsternis den rechten Weg sucht, den Schein des Lichtes erkennt und ihm folgt.“
Die Sprache der Sinnbilder
Die Sinnbilder des Ritus sind kein Haufen: Sie sind eine Grammatik. Man kann sie lernen, wie man eine Sprache lernt, und man kann beim Elementarsten beginnen, nämlich damit, woraus sie gemacht sind.
Kreide, Kohle und Feuer
Die Ordenslehre nennt drei Stoffe, die der Arbeit dienen — Kreide, Kohle und Feuer — und liest sie als Aufrichtigkeit, Verschwiegenheit und Eifer. Aus allen dreien wird der Arbeitsteppich gemacht: weiße Kreidezeichnung auf schwarzem Kohlegrund, von den Lichtern beleuchtet. Der Stoff ist schon die Lehre.
Der Teppich ist quadratisch — nur aus Gründen der Perspektive wird er rechteckig gefertigt —, und seine Form hat eine Lesart: „das Quadrat und die ihm zugrunde liegende Vierheit ist das Sinnbild des Vollkommenen oder des zur Vollkommenheit Erschaffenen“. In seinen Rahmen sind die vier Himmelsgegenden geschrieben, und auch sie bedeuten etwas: der Osten „der Sitz des ewigen Lichts“; der Westen „die Gegend, aus der die Suchenden aufbrechen, um dem Licht entgegenzugehen“; Süden und Norden „die Tagseite und die Nachtseite der Welt“.
Sechzehn Sinnbilder in fünf Gruppen
Der Teppich des ersten Grades trägt sechzehn Sinnbilder, die zusammenhanglos gesetzt scheinen und es nicht sind. Sie ordnen sich so:
Die drei Zierstücke: das musivische Pflaster, der flammende Stern und die geknüpfte Schnur.
Die drei unbeweglichen Kleinodien: der raue Stein, der kubische Stein und das Reißbrett.
Die drei beweglichen Kleinodien: Winkelmaß, Wasserwaage und Senkblei.
Die drei Werkzeuge: Hammer, Zirkel und Kelle.
Die vier Gleichnisse: Sonne, Mond und die beiden Säulen.
Wer weiß, in welche Gruppe jedes Sinnbild fällt, weiß bereits die Hälfte: was schmückt, was nicht bewegt wird, was getragen wird, was gebraucht wird und was betrachtet wird.
Das Hexagramm: Wirkung und Gegenwirkung
Der sechszackige Stern der Gesellentafel besteht aus zwei ineinandergelegten gleichseitigen Dreiecken: eines aufsteigend, mit der Spitze nach Osten; eines absteigend, mit der Spitze nach Westen. Man erwartete davon eine esoterische Auslegung. Die der Ordenslehre gibt, ist eine andere und umfasst mehr: Die beiden Dreiecke sind „die beiden großen Kräfte der Bewegung aller Dinge, nämlich Wirkung und Gegenwirkung. In diesen zwei Wörtern ist das große Gesetz alles Lebens und aller Entwicklung ausgesprochen, das nicht nur in der sichtbaren Welt der Natur, sondern auch in der unsichtbaren Welt des Geistes waltet und gestaltet.“
Dasselbe Gesetz kehrt im sechsten Grad fast mit denselben Worten wieder: Die ganze Schöpfung strebe „in geordneten Stufen nach dem Urquell, gemäß dem ewigen Gesetz von Wirkung und Gegenwirkung“.
Drei Sterne, und warum man ihre Zacken zählen muss
Eine Zeit lang zweifelten die Bearbeiter der Quellen an einer Zahl: Der über dem Altar des zweiten Grades hängende flammende Stern wurde mit fünf Zacken beschrieben, das Hexagramm des Teppichs hatte sechs. Druckfehler? Nein. Es sind zwei verschiedene Gegenstände. Der hängende hat fünf Zacken, ist vergoldet, trägt das G in der Mitte und einen Flammenkranz; das Hexagramm gehört zum Teppich und bleibt dort.
Und es gibt einen dritten, im Tempel des Johannismeisters: an der Ostwand ein durchbrochener silberner Stern mit sechs Zacken, aus dessen einspringenden Winkeln Flammen schlagen, mit einem großen silbernen G in der Mitte. Bei drei Sternen die Zacken richtig zu zählen scheint eine Kleinigkeit. Es ist genau die Art von Genauigkeit, die ein Buch von einer Zusammenstellung unterscheidet.
Der Buchstabe G
Bei der Übergabe des Schurzes des Andreasmeisters — weißes Tuch mit rotem Saum — erklärt der Meister den eingestickten Stern und den Buchstaben in seiner Mitte. Und er legt ihm drei einander überlagernde Lesarten bei: „Der Buchstabe G, den Sie darauf sehen, hat mehrere Bedeutungen; er bezeichnet insbesondere den Namen des Dreimalgroßen Baumeisters, der der oberste Meister unseres Ordens ist. Er bezeichnet auch das Wort Golgatha oder Stätte der Marter und soll Sie daran erinnern, dass keine Macht den Bau unseres Tempels hindern darf. Die Flammen, die aus den Winkeln dieses Sterns schlagen, sollen Sie daran erinnern, sich wie die Flamme des Feuers aus dem Staub der Erde zu erheben und die Vereinigung mit Ihrem Ursprung zu suchen.“
Der Name, der Kalvarienberg und der Aufstieg, auf einem einzigen Buchstaben. Und alle drei bestehen zugleich.
Tenebrae, Lux und eine Präposition
Über den beiden Türen, die zum Vorraum der Andreasmeisterloge führen, stehen zwei Inschriften: im Norden Tenebrae, im Süden Lux. Finsternis und Licht, jedes an seiner Tür.
Doch es gibt eine philologische Streitfrage, die zu erzählen sich lohnt, weil sie zeigt, wie man eine Quelle liest. Die schwedische Fassung schreibt nicht Tenebrae, sondern Tenebris, und der Redner, der sie bespricht, hält die schwedische für richtig und die deutsche für ein Missverständnis, „denn beide Türen führen in die Andreasmeisterloge, und keine kann diejenige sein, die in die Finsternis führt“. So gelesen, zusammen mit dem Buchstaben Y zwischen beiden, hieße es tenebris… lux: Licht für die Finsternis.
Eine Deklination ändert den Sinn einer Schwelle. Davon lebt die Textkritik, und davon lebt auch ein Ritus, der ernst nimmt, was an seinen Wänden geschrieben steht.
Farben, Rosen und Schlüssel
Es gibt einen schnellen Weg, den ganzen Ritus abzuschreiten, und der führt über seine Farben. Jeder Abschnitt hat die seine, und in fast allen Fällen sagt das Ritual selbst laut, warum es diese ist und keine andere.
Die Leiter der Farben
Himmelblau, mit goldener Einfassung, in den Johannisgraden.
Schwarz mit vier weißen Rosen auf dem Schurz des Andreaslehrlings und -gesellen: „die schwarze Farbe, die unsere Trauer um den erschlagenen Meister bezeugt“.
Weiß mit rotem Saum beim Andreasmeister, mit rotem Band „zum Gedächtnis des Blutes Christi“ und grünen Streifen, „Sinnbild der Hoffnung, dass aus dem Blut der Märtyrer immer neues Leben sprießen wird“.
Grün bei den Rittern des Ostens, „Zeichen unserer Hoffnung, einst eine Wohnung im Tempel zu empfangen“.
Schwarz mit Goldrand bei denen des Westens, „zum Zeichen, dass nur durch Arbeit, Kampf und Leiden der Sieg zu erlangen ist“.
Weiß bei den Vertrauten Brüdern: „Weiß ist die Farbe der Reinheit.“
Purpur bei den Auserwählten Brüdern.
Lies sie der Reihe nach, und du hast den Gedankengang: Blau des Himmels, Schwarz der Trauer, Weiß und Rot des Blutes und der Hoffnung, Grün des Wartens, Schwarz und Gold des Kampfes, Weiß der Reinheit, Purpur des Endes. Der Ritus erzählt sich selbst in sieben Farben.
Die Rosen
Die Rosen durchziehen den Ritus von einem Ende zum anderen und wechseln an jeder Station den Sinn.
Auf dem Schurz des Andreaslehrlings und -gesellen sind vier weiße Bandrosen. Das Logenbuch tut damit etwas Ungewöhnliches: Es schiebt die Erklärung schriftlich auf — „die Bedeutung der vier weißen Rosen werdet ihr künftig erfahren, wenn unsere schottischen Meister sie euch zu erklären für gut befinden“ — und unterdessen liest das Ritual sie als die vier Tugenden des Meisters. Ein Versprechen auf Erklärung ist auch eine Weise zu lehren.
Auf dem Teppich des Andreasmeisters ist ein Totenkopf, aus dem drei Rosen sprießen, daneben ein Schmetterling und eine Heuschrecke. Und in der Trauerloge — der, die eröffnet wird, wenn ein Bruder stirbt — werden auf einen Kelch in der Nordwestecke des Altars drei Johannisrosen gelegt: eine weiße, eine rosafarbene und eine rote, während der erste Aufseher einen Kranz von Immortellen neben sich hat und der zweite einen Kranz von Zypressen.
Der Schlüssel
Er ist das Kleinod, das auf den meisten Stufen wiederkehrt, und sein Weg ist selbst eine Geschichte.
Er hängt am blauen Band des Johannismeisters „und erinnert ihn daran, dass er die Einsicht in die Johannisgrade erlangen soll, indem er immer tiefer in ihre Sinnbildlichkeit eindringt“. Er hängt am grünen Band des Ritters des Ostens und am schwarzen Band dessen des Westens, der deshalb den zweiten Namen Meister vom Schlüssel trägt. Und im neunten Grad wird der Schlüssel zurückgelassen, mit einem der feinsten Sätze des Korpus: Dort „hört die Hoffnung auf beim Schauen, und der Schlüssel wird nicht mehr gebraucht“.
Der Ritus selbst setzt ihm eine Pointe in Rätselform auf. Auf die Frage, welcher Unterschied zwischen einem Johannislehrling und einem Bruder vom grünen Band bestehe, lautet die Antwort: „Einer dieser Brüder hat den Schlüssel zu dem Schatz, den der andere bewahrt.“
Die Krone und die Lampe
Zwei Abzeichen des Kapitels genügen, um die Spannung der hohen Grade zu erklären.
Die Krone ist die Krone des Lebens. Der achte Grad weist auf sie über dem Andreasaltar und sagt, sie sei „einzig denen vorbehalten, die ihr wahres Sein im Dienst des Höchsten gefunden haben“. Der neunte löst sie vom Dolch und legt sie auf die Bibel, und am Ende seiner Unterweisung weist der Meister auf sie und zitiert: „halte, was du hast, dass niemand deine Krone nehme“.
Die Lampe ist von Gold, in Gestalt einer länglichen Muschel auf einem Dreifuß, und hat einen Zug, den das Buch der Ritter des Ostens zweimal wiederholt, falls ihn jemand überginge: In diesem Kapitel wird sie nicht angezündet. Sie ist da, und sie ist erloschen. Das Abzeichen gehört diesem Grad; sein Licht einem höheren. Und wenn sie endlich brennt, im neunten, dann um auf jemanden zu warten.
Was der Ritus über sich selbst sagt
Fast alles bisher Gesagte stammt aus den Büchern selbst. Es lohnt sich zu schließen mit dem, was diese Bücher sagen, wenn sie von sich selbst sprechen: davon, wie sie auszuführen sind, was man dem schuldet, der nicht im Saal ist, und was für eine Sache ein Ritual überhaupt ist.
Die Wohltätigkeit steht im Ritus, nicht daneben
In allen neun Ritualen, ohne Ausnahme, hält die Schließung der Sammlung einen festen Platz frei. Sie ist kein Anhängsel am Ende der Arbeit: Sie ist Teil des Textes. Der Meister beauftragt den Schatzmeister, die Almosen einzusammeln, und in der Andreasloge kommt eine Forderung hinzu, um die mancher bürgerliche Verein diese Loge beneiden würde: Der Meister nennt den Zweck der Sammlung und gibt darüber eine Erläuterung, und das Ergebnis hält der Sekretär im Protokoll fest.
Der achte Grad fasst dies in die ritterliche Pflicht und dehnt es ausdrücklich auf „die hilflosen Witwen“ aus. Und der zehnte schließt sein Kapitel — und mit ihm die ganze Leiter — mit dem letzten Satz, den ein Bruder vor dem Hinausgehen hört: „Wenn wir diesen Raum verlassen, wollen wir der Armen gedenken.“
Hieber, der von kleinen Dingen sprach
Otto Hieber war Logen- und Kapitelmeister in Königsberg und schrieb gegen Ende des 19. Jahrhunderts, mit vierundzwanzig Jahren Hammerführung im Rücken, eine Ausführungsanweisung, die die Große Landesloge 1950 neu herausgab und für verbindlich erklärte. Sein Wahlspruch war ein Vergilvers: „In tenui labor, at tenuis non gloria“ — gering ist die Mühe, aber nicht gering der Ruhm.
Seine Hauptthese ist bestreitbar und darum interessant: „Unsere Rituale bestehen aus zwei wesentlichen Elementen: gesprochenen Worten und Handlungen. Fast möchte ich behaupten, dass diese das wichtigere Element sind. Die Handlungen sind die eigentlichen Träger des maurerischen Geheimnisses; sie bilden gleichsam den dramatischen Lebensnerv unserer Rituale.“ Daher seine Warnung, die weiterhin gilt: Eine nachlässige Ausführung „birgt die Gefahr, dass die Brüder der sich ständig wiederholenden Rituale überdrüssig werden“, während eine sorgfältige „die Aufmerksamkeit weckt und dazu bewegt, nach der Bedeutung der Dinge zu fragen“.
Hieber widmete ganze Seiten den abgenutzten Schurzen, den fehlenden Handschuhen, den lächerlichen Hüten und den verrosteten Schwertern und verwahrte sich im Voraus gegen den Vorwurf der Kleinlichkeit: „Äußerlichkeiten sind diese Dinge nur für den, der ihre Bedeutung nicht kennt oder nicht verstehen will.“ Anderes von ihm, über das Handwerk des öffentlichen Redens, besteht außerhalb jeder Loge:
„Reden ist eine schwere Kunst, die gelernt sein will.“
„Ein noch so virtuos vorgetragenes Musikstück lässt uns kalt, wenn die Seele fehlt. Ebenso ist es mit der Rede. Aber diese Seele kann der Meister vom Stuhl sich durch kein Studium erwerben: er muss sie mitbringen.“
Und eine Einzelheit, die den Mann menschlich macht: Hieber erinnerte sich, dass ihm bei seiner eigenen Aufnahme ein schlecht gepolsterter Schemel „gerade im feierlichsten Augenblick Folterqualen“ bereitet habe. Ein halbes Jahrhundert Anweisungen über Kissen beginnt dort.
Die Grenze, die 1950 ihm setzte
Das Beste an Hiebers Buch hat allerdings nicht Hieber geschrieben. 1950 setzte derjenige, der den Text für die Neuausgabe durchsah — in einem Deutschland aus Trümmern —, dem Kapitel über die Kleidung genau die Grenze, die es brauchte: Diese Erwägungen „gelten nur für die Bevorzugten unter uns… Die Flüchtlinge und die Ausgebombten sollen sich dadurch nicht abhalten lassen, in der Kleidung zu erscheinen, über die sie verfügen.“
Und er schloss mit sechs Wörtern, die man am Eingang jeder Einrichtung aufhängen sollte: „Wir wollen den Bruder unter uns haben, nicht seinen Gehrock.“
Einzelne Sätze, die für sich bestehen
Zum Schluss einige Zeilen aus dem Ritual selbst, die weder Zusammenhang noch Erklärung brauchen:
„Wie die Sonne im Osten den Lauf des Tages beginnt und den Tag erleuchtet, so soll auch der Meister seinen Sitz im Osten haben, um die Loge zu erleuchten, sie zu regieren und die Arbeiter an die Arbeit zu stellen.“ Und das Gegenstück: „Wie die Sonne ihren Lauf im Westen vollendet, so stehen die Aufseher im Westen, um die Loge zu schließen, die Arbeiter zu lohnen und sie nach Hause zu entlassen.“
„Dunkel ist die Nacht und mühsam der Pfad, der uns vorgezeichnet ist, aber Klugheit und Tapferkeit führen auf ihm bis ans Ziel.“
„Licht und Dunkelheit wechseln in der vergänglichen Natur und im Lauf der Zeiten, aber das Licht der Weisheit ist unwandelbar.“
„Ein jeder prüfe sich selbst und lege nach seinem Gewissen Zeugnis ab von dem, was er getan und was er vermocht hat, denn danach wird er gefragt werden.“
„Nicht immer krönt der Sieg sichtbar den redlichen Kampf.“
„Begonnen hat die Zeit der Wanderung, der Mühen und des Kampfes; wenn aber die wahre Arbeit sich auftut, hört alles Rechnen der Zeit auf.“
„Misstrauen, Zwietracht, Falschheit, List und Hader mögen aus diesem Kreis allezeit fliehen.“
Und aus der Tempelregel, die der achte Grad ganz und laut verliest, eine Handvoll Sätze, die in siebenhundert Jahren nicht gealtert sind:
„Tut eurem Nächsten alles Gute, das ihr euch selbst wünscht, und verschiebt nicht auf morgen den Dienst, den ihr heute leisten könnt.“
„Habt Ehrfurcht vor dem Alter… Eure Väter pflanzten die Bäume, die euch schützenden Schatten geben. Zahlt diese Schuld und seid nützlich, wie jene es waren.“
„Duldet niemals, dass in eurer Gegenwart jemandem sein guter Name und sein Ruf genommen werde.“
„Erstickt alle bösen Neigungen und Gedanken in ihrem Ursprung: aus unreiner Quelle fließt kein reines Wasser.“
„Seid sparsam im Versprechen und treu im Halten. Was ihr sagt, sei Wahrheit, und was ihr versprecht, fest und unwandelbar wie der Fels.“
Was lernt man wirklich?
Das ist die alles entscheidende Frage, und die ehrliche Antwort lautet: es hängt von dir ab.
Die Freimaurerei gibt dir keine vorgefertigten Antworten. Sie gibt dir eine Methode, einen Raum und eine Gemeinschaft. Was du daraus machst, liegt in deiner Verantwortung. Aber um dir eine konkrete Vorstellung davon zu geben, was du erwarten kannst:
Selbsterkenntnis
Jedes Ritual, jedes Symbol, jedes Gespräch in der Loge ist darauf angelegt, dich nach innen blicken zu lassen. Nicht selbstverliebt, sondern ehrlich. Was sind deine Stärken? Was sind deine Schwächen? Welche Ängste begrenzen dich? Welche Tugenden kannst du entfalten? Der raue Stein, der dir im ersten Grad gegeben wird, bist du.
Innere Disziplin
Die Freimaurerei hat Formen, Abläufe, sich wiederholende Rituale. Das ist keine Bürokratie: es ist Übung. Zu lernen, still zu sein, wenn man reden möchte, zuzuhören, wenn man meint, es schon zu wissen, einer Ordnung zu folgen, wenn man lieber improvisieren würde — all das schmiedet einen Charakter, der sich später außerhalb der Loge zeigt.
Historische und philosophische Perspektive
Der Zinnendorf-Ritus knüpft an Gedankenströmungen an, die von der Antike (dem Bau des Tempels Salomons) bis zur Renaissance (der geistlichen Alchemie) reichen und durch die mittelalterliche christliche Mystik führen. Du musst kein Historiker sein, aber wenn dich die Geschichte der Ideen interessiert, gibt es hier ein Universum zu erkunden.
Wahre Brüderlichkeit
In einer Welt, in der Beziehungen immer oberflächlicher werden, bietet die Loge etwas Seltenes: einen Raum, in dem Menschen sich verpflichten, füreinander zu sorgen. Es ist kein geselliger Klub und kein Netzwerk von Kontakten. Es ist ein ernst genommener Bund der Brüderlichkeit. Die Freimaurer helfen einander in Krankheit, begleiten sich in der Trauer, feiern gemeinsam die Freuden und sagen sich die schweren Wahrheiten von Angesicht zu Angesicht.
Transzendenter Sinn
In der christlichen Freimaurerei des Zinnendorf-Ritus weist der ganze Weg auf etwas hin, das über das Materielle hinausgeht. Es geht nicht darum, Wissen anzuhäufen oder Positionen zu erklimmen. Es geht darum, sich mit einer tieferen Dimension des Daseins zu verbinden — nenne man sie Gott, das Heilige oder einfach das, was dem Leben letzten Sinn gibt.
Die Arbeit in der Loge: wie eine Sitzung abläuft
Ohne rituelle Geheimnisse zu verraten, können wir den allgemeinen Aufbau einer Logensitzung (genannt „Arbeit" oder „Tempelarbeit") beschreiben:
Rituelle Eröffnung. Die Sitzung beginnt mit einer förmlichen Zeremonie, die einen heiligen Raum begründet. Sinnbildliche Lichter werden entzündet, die „Wachen" geprüft (dass keine Unbefugten anwesend sind), und die Gegenwart des Transzendenten wird angerufen. Dieser Augenblick markiert den Übergang von der Alltagswelt in den inneren Raum der Arbeit.
Lesung und sinnbildliche Arbeit. Es werden rituelle Texte gelesen, Symbole vorgestellt oder Darstellungen aufgeführt. Im Zinnendorf-Ritus besitzen diese Texte einen bemerkenswerten Reichtum: viele stammen aus dem 18. Jahrhundert und enthalten Bedeutungsschichten, die sich mit der Erfahrung nach und nach erschließen.
Unterweisung. Ein Bruder bereitet einen Vortrag oder eine Betrachtung über ein relevantes Thema vor. Es kann um Symbolik, Geschichte, Philosophie, Ethik oder persönliche Erfahrung gehen. Danach folgt ein Gespräch — stets achtungsvoll, stets auf Vertiefung bedacht.
Rituelle Schließung. Die Sitzung schließt mit derselben Feierlichkeit, mit der sie eröffnet wurde. Die brüderlichen Verpflichtungen werden bekräftigt, und jeder Freimaurer kehrt in die äußere Welt zurück, idealerweise ein wenig anders, als er gekommen ist.
All dies geschieht in förmlicher Kleidung, in manchen Riten mit Musik, und in einer Atmosphäre des Ernstes, der keine Strenge ist, sondern Achtung vor dem, was getan wird. Es gibt keine Tieropfer, keine Blutschwüre und nichts dergleichen aus den volkstümlichen Fantasien.
Fragen, die sich alle stellen
Muss man Christ sein, um einzutreten?
Im Zinnendorf-Ritus wird eine Nähe zur christlichen Tradition vorausgesetzt. Du musst kein praktizierender Katholik sein noch einer bestimmten Konfession angehören, aber du musst dich mit einem Weg wohlfühlen, der christliche Symbole und Lehren als Rahmen der Arbeit verwendet.
Was kostet es?
Wie jede Organisation hat die Loge Betriebskosten (Miete des Tempels, Materialien, Unterhalt). Die Mitglieder zahlen einen regelmäßigen, erschwinglichen und angemessenen Beitrag. Niemand wird durch die Freimaurerei reich noch ruiniert man sich, weil man Freimaurer ist. Sollte der Beitrag ein echtes wirtschaftliches Problem darstellen, sucht man Lösungen — die Brüderlichkeit steht über dem Geld.
Wie viel Zeit nimmt es in Anspruch?
Üblicherweise gibt es alle zwei Wochen eine Logensitzung von etwa 2–3 Stunden. Außerdem wird erwartet, dass der Freimaurer selbst studiert, an brüderlichen Veranstaltungen teilnimmt und Zeit der persönlichen Besinnung widmet. Insgesamt rechne mit etwa 10–15 Stunden im Monat.
Kann man Freimaurer sein und einer Kirche angehören?
Durchaus. Die christliche Freimaurerei konkurriert mit keiner Kirche. Viele Freimaurer sind aktive Katholiken, Anglikaner, Lutheraner oder Orthodoxe. Die Freimaurerei ergänzt das geistliche Leben, sie ersetzt es nicht.
Können Frauen teilnehmen?
Der Zinnendorf-Ritus ist in seiner überlieferten Form ausschließlich männlich. Das ist kein Werturteil, sondern eine Frage der historischen Tradition. Es gibt andere Zweige der Freimaurerei, die Frauen aufnehmen oder gemischt sind.
Stimmt es, dass es Geheimnisse gibt?
Ja, aber nicht der Art, die du dir vorstellst. Die freimaurerischen „Geheimnisse" sind im Grunde zwei Dinge: Erkennungsformen unter Freimaurern (Zeichen, Worte) und die erlebte Erfahrung der Rituale. Es gibt keine verborgenen Dokumente über Weltverschwörungen. Das wichtigste „Geheimnis" ist, dass gewisse Lehren sich nur verstehen lassen, indem man sie lebt — sie lassen sich nicht in Worte fassen.
Was, wenn ich entscheide, dass es nichts für mich ist?
Nichts. Du ziehst dich zurück, und das war's. Es gibt keine Folgen, Drohungen oder Vergeltung. Die Freimaurerei ist von Anfang bis Ende ein freiwilliger Weg. Wenn du irgendwann das Gefühl hast, dass sie dir nichts mehr gibt, steht es dir frei, mit derselben Würde zu gehen, mit der du gekommen bist.
Wie man sich nähert
Wenn du bis hierher gelangt bist und spürst, dass dich dies anspricht, ist der nächste Schritt einfach.
1. Besinne dich. Bevor du anklopfst, frage dich ehrlich: warum interessiert es dich? Hat die Antwort mit Macht, Einfluss oder krankhafter Neugier zu tun, ist es vermutlich nicht der richtige Weg. Hat sie mit persönlichem Wachstum, geistlicher Suche oder dem Wunsch nach echter Gemeinschaft zu tun, bist du auf gutem Weg.
2. Nimm Kontakt auf. Der überlieferte Weg, sich der Freimaurerei zu nähern, führt über jemanden, der bereits Freimaurer ist. Kennst du einen Freimaurer, äußere ihm dein Interesse. Kennst du keinen, kannst du uns direkt schreiben.
3. Sprich mit uns. Es gibt keine Aufnahmeprüfung und kein Vorstellungsgespräch. Es gibt ein menschliches Gespräch, in dem man einander kennenlernt. Die Loge möchte wissen, ob du ein ehrlicher Mensch von gutem Willen bist. Du möchtest wissen, ob dieser Raum das ist, was du suchst.
4. Bereite dich vor. Wenn beide Seiten beschließen voranzugehen, gibt es eine Zeit der Vorbereitung, in der du die Grundbegriffe lernst. Es ist kein Auswendiglernen — es ist eine Begleitung.
5. Erlebe die Erfahrung. Die Aufnahme ist der bedeutsamste Augenblick des freimaurerischen Weges. Wir können sie nicht beschreiben (das ist ein Geheimnis, das es wert ist, bewahrt zu werden), aber wir können dir sagen, dass es eine Erfahrung ist, an die sich viele Freimaurer als ein Vorher und Nachher in ihrem Leben erinnern.
Großloge von Mexiko-Stadt (GLCM)
Zinnendorf-Ritus · Mexiko-Stadt
Kleines Glossar
Loge. Die Gruppe der Freimaurer, die sich regelmäßig versammelt, und auch der physische Raum, in dem sie sich trifft. Es ist die „Werkstatt" des Freimaurers.
Tempelarbeit. Förmliche Arbeitssitzung in der Loge. Sie kann ordentlich (regelmäßig) oder außerordentlich (besonders) sein.
Ritus. Das besondere System von Ritualen und Lehren, dem eine Loge folgt. Der Zinnendorf-Ritus ist einer von vielen.
Großloge. Die Organisation, die mehrere Logen desselben Ritus oder Gebiets zusammenfasst und leitet.
Meister vom Stuhl. Der Freimaurer, der die Arbeiten einer Loge leitet. Er wird von den Brüdern gewählt, und sein Amt ist befristet.
Zeichnung (Plancha). Schriftliches Dokument oder Text, der in der Loge verlesen wird. Es kann eine Unterweisung, ein Aufsatz oder eine amtliche Mitteilung sein.
Säulen. Begriff für die Mitglieder der Loge, die sinnbildlich den Tempel „tragen".
Rauer Stein. Sinnbild des Freimaurers, der seinen Weg beginnt: unbehauen, mit Unvollkommenheiten, aber voller Möglichkeit.
Kubischer Stein. Sinnbild des Freimaurers, der an sich gearbeitet hat: behauen, geformt, brauchbar für den Bau.
Tempel Salomons. Zentrale biblische Bezugnahme in der Freimaurerei. Es geht nicht darum, ein physisches Gebäude wieder zu errichten, sondern einen inneren Tempel der Tugend zu bauen.
Arbeitsteppich. Sinnbildlicher Teppich oder Zeichnung, die während der Arbeiten in die Mitte des Tempels gelegt wird. Er enthält die Symbole des Grades.
Zum Weiterlesen
Empfohlene Lektüre
Für Einsteiger:
Freemasons for Dummies von Christopher Hodapp — Eine unterhaltsame und entmystifizierende Einführung in die Freimaurerei im Allgemeinen.
The Meaning of Masonry von W. L. Wilmshurst — Eine Erkundung der geistlichen Bedeutung der freimaurerischen Grade.
Über christliche Freimaurerei und das Schwedische System:
Swedish Rite Freemasonry von Henrik Bogdan — Akademische Studie des Schwedischen Systems, seiner Geschichte und Struktur.
Große Landesloge der Freimaurer von Deutschland (amtliche Veröffentlichungen) — Dokumente der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland.
Online
Seite der GLCM: in Kürze verfügbar
Große Landesloge der Freimaurer von Deutschland: www.freimaurerei.de